Blog Beitrag

Verschwörungsnarrative im türkischen Nationalismus

Zur Rolle von Antisemitismus und antiarmenischem Rassismus in der Türkei und in Deutschland

İsmail Küpeli

Der türkische Nationalismus in Deutschland hat sich im Kontext der hiesigen Gesellschaft verändert und ist damit eine von zahlreichen nationalistischen Ideologien der vielfältigen Migrationsgesellschaft in Deutschland. Dabei sind aus der Ideologie des türkischen Nationalismus in der Türkei verschiedene Narrative in den türkischen Nationalismus in Deutschland übertragen und angepasst worden, die für Verschwörungserzählungen im Kontext des antiarmenischen Rassismus und des Antisemitismus relevant sind. Bei dieser Übertragung kommt es auch zu Veränderungen in Ausformulierung und Funktion der einzelnen Narrative und zu Verschiebungen im Verhältnis zwischen antiarmenischem Rassismus und Antisemitismus. Um diese Veränderungen und Verschiebungen zu verstehen, müssen wir allerdings die historischen Ursprünge des türkischen Nationalismus betrachten.

Ursprünge der Verschwörungserzählungen im türkischen Nationalismus

Der türkische Nationalismus entstand als eine politische Bewegung, die das multiethnische und multireligiöse Osmanische Reich in einen türkischen Nationalstaat transformieren wollte und dabei die vielfältige Bevölkerung des Reichs in verschiedene Kategorien aufteilte. Neben den muslimischen Türk:innen, die die Herrschernation bilden sollten, wurde zwischen nicht-türkischen Muslim:innen, die es zu turkisieren galt, und den Nicht-Muslim:innen, die a priori als nicht assimilierbar definiert wurden, unterschieden. Insbesondere gegen die Nicht-Muslim:innen, die damit Ziel von Vertreibung und Vernichtung wurden, griff der türkische Nationalismus bereits in seiner Gründungsphase auf Verschwörungsnarrative zurück. So beschuldigte im Ersten Weltkrieg die türkisch-nationalistische Staatsführung wahrheitswidrig die nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen, darunter insbesondere die Armenier:innen, dass sie angeblich das Osmanische Reich verraten hätten und mit den Kriegsgegnern des Reichs zusammenarbeiten würden. Mit dieser „Dolchstoß“-Erzählung wurde der Genozid von 1915 legitimiert, bei dem über eine Million Armenier:innen im Osmanischen Reich ermordet wurden. Der Genozid selbst wird von türkischen Nationalist:innen geleugnet und die Bestrebungen von Armenier:innen für die Anerkennung als Genozid werden von den Nationalist:innen als eine Unterminierung und Infragestellung der positiven Geschichte der türkischen Nation und damit als Bestätigung der angeblich fortwährenden Illoyalität der Armenier:innen gesehen. Auch nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs und der Gründung der Republik Türkei wurde das verschwörungsideologische Narrativ gegen die nicht-muslimischen Minderheiten eingesetzt, wie etwa bei der Vertreibung von über 1,2 Million Christ:innen aus dem Gebiet der heutigen Türkei 1923. Auch ihnen wurde aufgrund ihrer religiösen Identität unterstellt, keine loyalen Staatsbürger:innen sein zu können. Und so bleibt die türkische „Dolchstoß“-Legende bis heute wirkmächtig und hat sich zu einer gängigen Methode entwickelt, bei der für real existierende oder vorgestellte Probleme Verschwörungen der äußeren und inneren Feinde gegen die türkische Nation verantwortlich gemacht werden. 

In diesen Verschwörungserzählungen wird oft auf die Figur des „Dönme“, des vermeintlichen Kryptojuden, der sich nach außen als Muslim tarnt, zurückgegriffen. Dabei wird behauptet, dass die sogenannten „Dönme“, eine kleine Gemeinschaft von Jüdinnen:Juden, die im 17. Jahrhundert im Osmanischen Reich zum Islam konvertiert sind (aber im nicht-öffentlichen Bereich jüdische Bräuche noch eine Zeitlang weiter pflegten), heute Politik, Gesellschaft und Medien in der Türkei kontrollieren würden. Weil die „Dönme“ sich dabei nicht als Juden zu erkennen geben, sondern so auftreten würden, als seien sie Muslime, können türkische Nationalist:innen jeden verdächtigen ein „Dönme“ zu sein und der Gegenbeweis ist schlicht nicht zu leisten. Wenn Krypto-Juden, die sich als Muslime ausgeben, sich verschworen haben, um die Türkei aus dem Schatten heraus zu kontrollieren, wie das antisemitische Narrativ besagt, wie kann dann bewiesen werden, dass dies nicht stimmt? Jeder Hinweis, der dieses Narrativ in Frage stellt, würde von den türkischen Nationalist:innen als ein Trick der „Dönme“ markiert werden, die weiter ihre Verschwörung geheim halten wollen. Diese antisemitische Erzählung eignet sich besonders gut, weil sie keine realen Anknüpfungspunkte für die Zuschreibung braucht. Aber nicht nur (reale oder frei erfundene) Juden gelten für türkische Nationalisten als der „innere Feind“, sondern auch weiterhin die Armenier:innen. Dabei wird insbesondere das Bemühen um die Anerkennung und Aufarbeitung des Genozids von 1915 als eine Unterminierung und Infragestellung der positiven Geschichte der türkischen Nation und damit als ein Angriff auf die türkische Nation verstanden.

Zusammenfassend lässt sich folgende Verschwörungserzählung als eine zentrale Säule des türkischen Nationalismus ausmachen: (a) Ausgehend von einer vermeintlich welthistorischen Bedeutung des Türkentums wird die reale Situation der Türkei und der türkischen Nation stets als mangelhaft und defizitär definiert. (b) Die Ursachen für diese Mängel und Defizite können a priori nicht in der türkischen Nation selbst liegen, sondern müssen die Schuld von „inneren“ und „äußeren“ Feind:innen sein. (c) So müssen stets diese Feind:innen und ihre Verschwörungen gegen die türkische Nation entdeckt, entlarvt und bekämpft werden. Dabei tauchen im Kontext des türkischen Nationalismus in der Türkei selbst antiarmenische und antisemitische Narrative häufig gleichzeitig auf und erfüllen für die Mobilisierung innerhalb der Bewegung und für die Anschlussfähigkeit an andere politische Kräfte und die breite Bevölkerung ähnliche Funktionen. So lässt sich eine Gleichzeitigkeit von antiarmenischem Rassismus und Antisemitismus im türkischen Nationalismus feststellen.

Anpassung des türkischen Nationalismus in Deutschland

Während türkische Nationalist:innen in der Türkei in einem gesellschaftlichen Kontext agieren können, in dem wichtige Bausteine ihrer Ideologie mehrheitsfähig und im Einklang mit der türkisch-islamischen Staatsideologie sind, gestaltet sich die Situation für türkische Nationalist:innen in Deutschland deutlich anders. Während türkische Nationalist:innen in der Türkei Mitglieder der Herrschernation sind, türkisch-nationalistische Akteur:innen Teil der politischen, gesellschaftlichen und medialen Eliten sind und die Mehrheitsgesellschaft in der Türkei sehr empfänglich für die Ideologie der türkischen Nationalist:innen ist, ist die Situation in Deutschland fast entgegengesetzt. Türkische Nationalist:innen in Deutschland sind Teil einer de facto Minderheit, die vielfach abgewertet und diskriminiert wird, türkisch-nationalistische Kräfte müssen sich bedeckt halten, wenn sie in politischen, gesellschaftlichen und medialen Räumen agieren wollen und die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland steht dem türkischen Nationalismus eher feindlich gegenüber – bestenfalls werden türkische Nationalist:innen ignoriert.

Diese grundlegend unterschiedliche Situation hat vielfältige Konsequenzen. So verschiebt sich die Funktion des türkischen Nationalismus für die Anhänger:innen: während die Ideologie in der Türkei zur Legitimation und Sicherung der politischen Macht dient, dient sie in Deutschland primär der Schaffung eines positiven Selbstbildes und einer Gruppenidentität, womit für türkische Nationalist:innen in Deutschland politische Organisierung überhaupt erst möglich wird. Aber auch die Ideologie selbst muss sich den gesellschaftlichen Realitäten in Deutschland anpassen. Dies ist in Bezug auf den antiarmenischen Rassismus und Antisemitismus besonders augenfällig. Während der antiarmenische Rassismus für die Mobilisierung nach „innen“ noch eine gewisse Relevanz hat und keineswegs verschwunden ist, besitzen antiarmenische Erzählungen in Bezug auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft keinerlei Anschlussfähigkeit – vielmehr sorgen sie in der Kommunikation mit anderen politischen Akteur:innen für Irritationen und zusätzliche Probleme. Die antiarmenische Mobilisierung in Europa im Zuge des Bergkarabach-Krieges 2020, bei der türkische Nationalist:innen den Konflikt nutzten, um antiarmenische Angriffe etwa in Frankreich durchzuführen, erhielt auch keinerlei Unterstützung von politischen Kräften außerhalb des Kreises türkischer Nationalisten selbst. Vielmehr führten diese Angriffe zu einem stärkeren staatlichen Vorgehen gegen türkische Nationalist:innen in Frankreich und Deutschland. 

Gänzlich anders stellt sich die Ausgangslage in Hinblick auf den Antisemitismus, insbesondere in der Erscheinungsform des israelbezogenen Antisemitismus dar, der gewissermaßen als eine Brückenideologie quer über gesellschaftliche Gruppen, politische Lager und identitäre Milieus funktioniert. Mithilfe antisemitischer Erzählungen können türkische Nationalist:innen in Austausch mit anderen politischen Akteur:innen (sowohl aus der Mehrheitsgesellschaft als auch aus anderen de facto Minderheiten) treten und sich an größeren Mobilisierungen beteiligen. So traten zuletzt bei den antiisraelischen Protesten in Deutschland im Mai 2021 türkische Nationalist:innen sehr öffentlichkeitswirksam auf und waren ganz offensichtlich ein wichtiger Teil der Gesamtmobilisierung.1 Ihre Beteiligung an den Protesten2 wurde selbst von dem eher linken Flügel der antiisraelischen Bewegung geduldet und die einzige Konflikte um Auftritte der türkischen Nationalist:innen drehten sich um Angriffe der türkischen Nationalist:innen auf linke Kurd:innen bei einzelnen Protesten – aber nicht um den Antisemitismus der türkischen Nationalist:innen. In solchen antisemitischen Mobilisierungen sind türkische Nationalist:innen nicht mehr randständig und minoritär, sondern Teil von größeren Allianzen und können sich entsprechend mit anderen Akteur:innen vernetzen.

Der stärkere Rückgriff auf antisemitische Erzählungen, während gleichzeitig der antiarmenische Rassismus in der Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft etwas in den Hintergrund gerät, ist für türkische Nationalist:innen durchaus einfach zu bewerkstelligen. Dies hängt auch damit zusammen, dass das verschwörungsideologische Denken und die manichäische Weltanschauung (in der stets zwischen „wir“ und „der Feind“ unterschieden wird) sowohl beim antiarmenischen Rassismus als auch beim Antisemitismus eine zentrale Rolle spielen. Die Erfahrungen, die türkische Nationalist:innen in den letzten Jahren gesammelt haben, dürften dazu führen, dass auch in Zukunft antisemitische Narrative stärker eingesetzt werden. Aber der antiarmenische Rassismus wird dadurch keineswegs verschwinden, sondern innerhalb der türkisch-nationalistischen Bewegung in Deutschland weiterhin eine gewisse Relevanz beibehalten.


1 https://rp-online.de/politik/deutschland/durchweg-negativ-durchweg-feindlich-tuerkische-nationalisten-kapern-anti-israel-proteste_aid-58188919

2 https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kundgebung-am-stuttgarter-marienplatz-demonstranten-verschiedener-gruppen-geraten-aneinander.e66c3632-d5a8-4a4d-9137-51659a593662.html

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