(Extrem) rechte Bewegungen werden im öffentlichen wie im wissenschaftlichen Diskurs häufig als Männerbünde beschrieben. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. In zunehmendem Maße zeigt die Forschung, dass Frauen nicht nur Objekte (extrem) rechter Ideologien sind, sondern als aktive Mitglieder, Mittäterinnen und Trägerinnen nationalistischer Moralpolitiken agieren. Rollen, die aus progressiver Perspektive als regressiv oder unterdrückend erscheinen, können für Frauen innerhalb (extrem) rechter Milieus zu Ressourcen werden: zu Quellen von Status, Einfluss und relativer Macht, insbesondere dann, wenn sie mit der Abwertung anderer Gruppen einhergehen. Dieser Text argumentiert, dass Frauen in der türkischen (extremen) Rechten, in der Türkei ebenso wie in der Diaspora, nicht als Randfiguren zu verstehen sind. Vielmehr nehmen sie eine zentrale Funktion in einem postosmanischen, postimperialen Projekt nationaler Homogenisierung ein. Die Analyse verbindet historische Kontinuitäten des türkischen Nationalismus mit der ideologischen Konstruktion von Weiblichkeit und zeigt, wie Frauen zugleich idealisiert und instrumentalisiert werden.
Die völkische Basis der Rolle der Frau
Ein Blick auf die Rolle der Frau in der türkischen (extremen) Rechten gelingt nur auf der Basis einer genauen Definition der historischen und politischen Kontinuitäten. Wenn von den Grauen Wölfen als bekanntester Gruppe unter den türkischen (extremen) Rechten die Rede ist, liegt der Fokus im deutschen Diskurs häufig auf ihrer Präsenz in sozialen Brennpunkten oder auf ihrer Deutung als Reaktion auf Rassismus und Ausgrenzung türkischer Jugendlicher. Die Grauen Wölfe werden dabei als Hauptphänomen der türkischen (extremen) Rechten fast synonym verstanden, zugleich aber auch als Extremgruppe oder gar als Randphänomen wahrgenommen. Doch die ideologischen Wurzeln der türkischen (extremen) Rechten, und damit auch der Ülkücü-Bewegung, reichen weit vor ihrer Gründung und der Arbeitsmigration nach Deutschland zurück: Sie liegen in den letzten Jahrzehnten des Osmanischen Reiches im späten 20. Jahrhundert und reichen weit in die 1920er Jahre der Republikgründung unter Mustafa Kemal. Sie sind untrennbar mit dem Projekt der Türkei an sich verbunden. Das zentrale Ziel dieser frühen Phase bestand darin, aus dem multiethnischen und multireligiösen, zerbröckelnden osmanischen Reich einen homogenisierten Nationalstaat zu formen, der das osmanische Imperium durch ein ethnisch verstandenes Türkentum ersetzt. Die türkische (extreme) Rechte ist daher in ihrer Geschichte als breiteres Phänomen zu fassen, was zentrales Fundament des türkischen Staates ist[1].
Dieses Ziel der Homogenisierung wurde dabei nicht lediglich theoretisch verfolgt, sondern zentral durch die vielen Genozide, Massaker und Vertreibungen dieser Periode realisiert. Dabei flossen Gewalt und Homogenisierung zwischen der osmanischen und der republikanischen Periode ineinander. Die Vernichtung und Vertreibung von Armeniern, Aramäern und Pontosgriechen, also vor allem der christlichen Gruppen des späten osmanischen Reiches, erfolgte in mehreren Wellen seit dem späten 20ten Jahrhundert. In der republikanischen Phase ging dies gerade im pontosgriechischen Fall nahtlos weiter und mit den Deportationen und Genoziden an den Kurden wie 1920 in Qocgiri, 1930 beim Zilan Massaker oder jenem in Dersim 1938[2], war klar, dass keine Gruppe verschont blieb von ethnischer Säuberung. Mustafa Kemal unterschied sich in diesem Punkt nicht grundsätzlich von Vordenkern des radikaleren türkischen Nationalismus wie Ziya Gökalp. Die Grauen Wölfe entstanden zwar erst in den 1960er Jahren im Kontext der Militärputsche und in enger antikommunistischer Tradition im allgemeinen Kontext des Kalten Krieges, doch sie griffen auf denselben ideologischen Korpus zurück, den auch Mustafa Kemal nutzte[3]. Unterschiede lagen weniger im Weltbild als im institutionellen Rahmen: Kemalismus als staatlicher Modernismus versus Ülkücülük als außerstaatliche Radikalisierung desselben ethnonationalen Fundaments.
Ein prägnantes Beispiel dieser ideologischen Schnittmenge ist die Sonnensprachtheorie der 1930er Jahre, entwickelt in der Türk Dil Kurumu[4] unter der Patronage Mustafa Kemals. Sie erklärte alle Sprachen der Welt zu Ableitungen eines „urtürkischen“ Ursprungs und diente dazu, ethnische Homogenität wissenschaftlich zu legitimieren[5]. Diese völkische Rahmung spiegelte sich auch in Mustafa Kemals geopolitischen Vorstellungen, etwa in seinen Ansprüchen auf Mosul und Kirkuk, beides Städte mit signifikanter kurdischer Geschichte im Norden des Irak, oder seiner Betonung einer angeblichen historischen Einheit mit „türkischen Brudervölkern“ im Kaukasus – ein Narrativ, das heute in der Formel „Zwei Staaten, eine Nation“ im Verhältnis zu Aserbaidschan weiterlebt. Vor diesem Hintergrund erscheint die vielzitierte Divergenz zwischen Kemalismus und Ülkücülük[6] weniger als ideologische Spaltung denn als Konkurrenz unterschiedlicher Organisationsformen, die denselben nationalistischen Mythos unterschiedlich operationalisierten.
Diese Logik der Homogenisierung setzte sich nicht nur über die Parteistaatlichkeit der 1950er Jahre und die Militärputsche fort, sondern prägte auch die Geschichte der Arbeitsmigration nach Deutschland. Mit den Gastarbeitern kamen sowohl Angehörige nationalistischer Milieus als auch Überlebende und Nachfahren der von der Republik verfolgten Minderheiten ins Land – und damit die Konfliktlinien des türkischen Nationalismus selbst. Deutschland begünstigte im Kalten Krieg zudem antikommunistische Kräfte, darunter auch türkische (extreme) Rechte in der Türkei wie in Deutschland, wodurch sich alte ideologische Spannungen im Migrationskontext weiter verfestigten und eine transnationale Ebene erreichten, die oft ignoriert wird.
Mit der Machtübernahme des bis heute amtierenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan änderte sich der Fokus der Debatte. Der Kalte Krieg war lange vorbei, die Türkei manifestierte sich immer stärker als wichtiger westlicher NATO-Partner, die grausamen ethnischen Säuberungen, die in den 90er Jahren auch mit den ethnischen Säuberungen der Kurden kulminierten, waren kein Thema für den westlichen Blick. Vielmehr war sogar die Rede von einem Reformer, von einem Mann, der den EU-Beitritt der Türkei beschleunigen und ermöglichen will. Kennern der Region war jedoch klar, dass die dunkle Geschichte des rechten Staatsfundaments auch bei Erdoğan von Bedeutung war und unter dem ökonomischen Reformismus die ideologische Symbiose aus türkischem Nationalismus und islamischem Konservatismus die Basis für den einzigartigen Wahlerfolg Erdoğans ausmacht.
Die Rolle der Frau – Mutter der Nation oder Feindbild
Die Türkei ist ein Land, das in seinen Grundfesten, aber auch in seiner gängigen politischen Landschaft weit rechts der Mitte ist. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Frauen, die die Hälfte dieser Population ausmachen, ob in der Türkei oder in der Diaspora, mit an diesem rechten Konsens beteiligt sein müssen – und in der Tat zeigen Daten, dass es eine konsequent durchschnittliche Haltung rechts der Mitte in der Türkei gibt. Frauen sind dabei nicht linker als Männer, wie es in vielen anderen Länder der Fall ist, im Gegenteil, sie sind im Mittelwert durchweg rechter. Die Panelstudie von Nennstiel und Hudde (2025)[7] zeigt etwa anhand von Eurobarometer-Daten, dass die Türkei im europäischen Vergleich eine stabil rechte Selbsteinordnung auf der Links-Rechts-Skala hat und dass Frauen, wenn auch nicht im statistisch signifikanten Bereich, im Mittelwertvergleich rechter als Männer sind. Auch in anderen Analysen wie von Dassonneville (2020)[8] zeigt sich, dass die Türkei im historischen OECD-Mitgliedsländervergleich rechts der Mitte und sogar mit einem effektiven Trend nach rechts zu verordnen ist, wobei Frauen Männer seit den späten 2000ern sogar leicht überholen.
Es sind keine statistischen Zufälle, sondern etwas, was historisch und anekdotisch von vielen Betroffenen bestätigt werden kann. Sieht man die Frau auf einer analytischen Basis, in der die türkische (extreme) Rechte als Ganzes als postosmanisches und damit postimperiales nationales Konsolidierungsprojekt gesehen wird, wird ihr nämlich eine zentrale Rolle zuteil – nicht nur statistisch, sondern ideologisch. Das Potenzial der Einbindung und aktiven Glorifizierung von weiblichen Figuren als Vehikel (extrem) rechter Organisation, wie etwa im Nationalsozialismus, ist auch an der türkischen (extremen) Rechten nicht vorbeigegangen: In vielen Bereichen der Mythen und sozialen Idealbilder der türkischen (extremen) Rechten finden wir Frauen, die in einer gebärdenden, tugendhaften und disziplinierenden Rolle einen zentralen Bezugspunkt darstellen, der bis in die intimsten Bereiche sozialen und familiären Lebens reicht, was ein wertvolles Leben und eine (über)lebenswerte Frau ausmacht.
Die Gründungslegende von Asena erzählt beispielsweise von einer übernatürlichen Wölfin, die einen einzigen überlebenden Jungen nach der Vernichtung seines türkischen Stammes rettet, aufzieht und mit ihm Nachkommen hervorbringt, aus denen das Volk der sog. Göktürken entsteht. Diese vorislamische Gründungsmythologie ist zentral für die Grauen Wölfe, indem Asena und der graue Wolf als Symbole einer angeblich urtümlichen, heroischen und ethnisch definierten türkischen Nation gedeutet werden, die Kampfgeist, Reinheit und Überlegenheit verkörpert und damit als ideologische Grundlage für ihren türkisch-nationalistischen Anspruch dient. Frauen von ranghohen Kadern der Grauen Wölfe werden bis heute als Asenas bezeichnet und stehen für aufopferungswürdige, militante Frauen, die ihre Männer in ihrem offenen Krieg gegen diejenigen unterstützen, die sie als Nationalfeinde bezeichnen.
Auch das Bild der Cumhuriyet Kadını, der „Republiksfrau“, entstand genau in dieser Konstellation: als Symbol einer staatlich definierten und idealen Modernität, in der weibliche Emanzipation zugleich nationalisiert wurde[9]. Paradigmatisch ist die Geschichte von Sabiha Gökçen, Atatürks „Adoptivtochter“, die vermutlich als armenisches Waisenkind in republikanische Fürsorge gelangte[10], und als erste Kampfpilotin der Türkei zur Ikone des neuen türkischen Menschen erhoben wurde. Ihre berühmt gewordene Rolle in den Luftoperationen beim Massaker in Dersim zeigt, wie eng die republikanische Frauenfigur mit Gewalt, Homogenisierung und Staatsräson verknüpft war. Die Frau verdient sich ihre Gleichberechtigung und Würde, indem sie Teil der Auslöschung anderer wird. Die Cumhuriyet Kadını symbolisierte damit einerseits Bildung, Sichtbarkeit und berufliche Teilhabe, andererseits aber auch die Verkörperung eines nationalen Modernisierungsprojekts, in dem Frauen als Trägerinnen der „zivilisierten“ türkischen Identität inszeniert wurden und zugleich aktiv an der Durchsetzung dieser Identität beteiligt waren.
Die Sozial- und Migrationsforscherin Lena Wiese arbeitet dazu in ihren Analysen zu den Frauenrollen innerhalb ultranationalistischer türkischer Szenen in Deutschland heraus, dass Frauen in diesen Milieus keineswegs nur passive Objekte einer männlich dominierten Ideologie sind, sondern aktiv als Trägerinnen, Verstärkerinnen und Reproduzentinnen nationalistischer Moralpolitik fungieren. Wiese zeigt, dass weibliche Akteurinnen bei den Grauen Wölfen und verwandten Strömungen genau diese Funktionen übernehmen: Sie verkörpern Tugend, Disziplin, Opferbereitschaft und Reinheit und dienen damit als moralische Ankerpunkte, die den gesamten sozialen Raum, beispielsweise Familie, Nachbarschaft, Erziehung und Sexualität, regulieren[11]. Wiese betont, dass Frauen in den heutigen Ülkücü-Milieus keineswegs Randfiguren sind, sondern über Vereinsarbeit, Social Media, Erziehung und moralische Kontrolle zentrale Rollen in der Binnenorganisation spielen und dadurch die nationalistische Ideologie bis in Alltagspraktiken hinein verankern.
Dadurch wird deutlich, dass die türkische (extreme) Rechte, egal ob kemalistisch oder ultranationalistisch geprägt, Frauen systematisch als Instrumente für Homogenisierung, Abgrenzung und moralische Disziplinierung einsetzt und sie zu aktiven Mitproduzentinnen jener politischen Kultur macht, die seit den frühen Republiksjahrzehnten auf der Verknüpfung von Modernisierung, Rassifizierung und patriarchaler Ordnung beruht. Oft als Mutter und als Haushaltsverantwortliche repräsentiert, zeigt die etatistisch-rechte Linse, dass die Frau den Keim, den Nukleus, darstellt, aus dem letztlich die Nation erbaut wird. Sie ist nah genug an jedem Menschen, um die Gesellschaft zu kontrollieren, aber ausgebeutet genug, um nach jedem Halm zu greifen, um auch einen Teil des beschränkten Zugangs zu Macht und Schutz durch ein patriarchales System zu erhalten.
Hier kommt die größte Motivation für die rechte Frau im politischen Milieu ins Spiel: ihr Gegenpart, ihr Negativbild, von dem sie sich abgrenzen und damit hinaufnavigieren kann, die feindliche Frau. Dieses wird besonders im kriegerischen und genozidalen Kontext gegen Frauen aus Minderheiten wie Armenierinnen, Pontosgriechinnen[12] oder Kurdinnen aufgebaut. Gerade in den Genoziden gegen nicht-muslimische und nicht-türkische Gruppen war es eine zentrale ideologische Praxis, gegen Frauen vorzugehen, sexuelle Gewalt an ihnen auszuüben, diese sexuelle Gewalt als Kriegswaffe[13] zu benutzen und damit den völkischen Krieg auf dem Körper der feindmarkierten Frau auszuführen. Diese Praxis zwischen Schlachtfeld, Schule und Diaspora weist über Jahrzehnte hinweg Kontinuität auf und geht damit weit über den kriegerischen Kontext hinaus.
Im 1937 auf Mustafa Kemals Anweisung gegründeten Elazığ Girls’ Institute, das sich etwa gleich südlich der 1938 im Genozid[14] angegriffenen Region Dersim befand, sollten kurdische Mädchen aus “aufständischen“ Familien, oftmals Waisen nach Militäreinsätzen oder zwangsrekrutierte Kinder aus ganzen Dörfern, in einem abgeschlossenen Raum „zu Türkinnen gemacht“ werden. Sie durchliefen ein mehrjähriges Assimilationsprogramm, das Sprachverbot, Namensänderung, Hausarbeitsdrill und die Erziehung zur „türkischen Mutter“ umfasste. Es exemplifiziert die biopolitische Neuordnung, die der kemalistische Modernisierungsrassismus[15] an der Frau übte: Die Mädchen sollten in ihre Dörfer zurückkehren, um türkische Sprache, Moral und Geschlechterrollen in den kurdischen Familien durchzusetzen und auch die eigene Familie auszuspionieren.
Bild eines kurdischen Mädchens durch die Leiterin Sıdıka Avar festgehalten vor und nach der Umerziehung in ein kemalistisches türkisches Mädchen. Quelle: https://www.kedistan.net/2021/07/29/sidika-avar-missionary-2/ (Aufgerufen am 28.11.2025)
Werden heute Kurden oft in Verbindung mit Militanz gebracht, gerade im Kampf gegen die Türkei oder den Iran, hat es Jahrzehnte gedauert, bis es als Reaktion auf diese Pogrome und die gezielte staatliche Kriegspolitik gegen Kurden einen bewaffneten Kampf gab. In diesem Kampf gingen nicht nur Männer, sondern gerade auch kurdische Frauen an die Waffe. Die Realität eines kurdisch-weiblichen bewaffneten Kampfes, der sich seit der Gründung der PKK und der Etablierung weiblicher Guerillagruppen in den 80ern und 90ern konsolidierte, traf auf die Kontinuität sexueller Kriegsgewalt. Gerade um die Zeit des Militärputsches von 1980 war sexuelle Gewalt an weiblichen kurdischen Gefangenen eine breit zelebrierte Praxis türkischer (extremer) Rechter im Staat, aber auch paramilitärischer türkischer (extrem) rechter Gruppen. Bis heute ist eines der beliebtesten Motive, das türkische (extreme) Rechte als Provokation im Internet an kurdische Personen senden, das Bild von geschändeten und/oder entkleideten Leichen kurdischer Kämpferinnen – eine Praxis, die von türkisch unterstützten Milizen bis heute fortgeführt wird. Wie im Falle der kurdischen Politikerin Hevrin Khelaf, die 2019 während einer türkisch-islamistischen Invasion kurdischer Gebiete in Syrien vor laufenden Kameras getötet und an ihren Haaren aus dem Auto gezogen wurde, in dem sie erschossen wurde[16].
Die Glorifizierung und Täterhaftung von Frauen in der türkischen (extremen) Rechten gehen also Hand in Hand mit einer tief verankerten Kultur der sexuellen Gewalt gegen die Gruppen, die im Zuge des rechtsnationalistischen Kanons der türkischen Staatspraxis ausgelöscht wurden. Das Zwischenspiel aus Idealisierung und Dämonisierung ist zentral, um die ideologische Schlagkraft der Frauenrolle in diesem Komplex zu greifen.
Der antifeministische Kampf von Ankara bis Berlin
Diese historische Kontinuität wurde nicht etwa einfach nach Deutschland „exportiert“, wie oftmals in deutschen Medien behauptet wird, wenn Fälle innermigrantischer Gewalt vorkommen, sondern war ganz gezielt in einem westdeutschen antikommunistischen Konsens toleriert und importiert worden[17]. Dass Franz Josef Strauß offen mit den Grauen Wölfen arbeitete und auch deutsche Rechtsradikale im völkischen Auftreten rechtsradikaler türkischer Gruppen Gefallen fanden, ist kein Geheimnis[18]. Gleichzeitig war der politische Umgang mit Deutschland als Einwanderungsland ohnehin etwas Nichtexistierendes, Gastarbeiter wurden noch als Gäste gesehen und so war ein Blick auf innermigrantischen Rassismus oder gar transnationale Repression kein Phänomen seiner Zeit, obwohl die Gewalt längst angekommen war. Ein tieferer Blick in die rechten Morde und Angriffe in Deutschland, ihre Verstrickungen mit dem türkischen Staat und ihre Kontinuität lohnen sich jedoch umso mehr.
Neşet Danış beispielsweise, der 1974 bei einer Gewerkschaftssitzung von Grauen Wölfen in Hamburg Norderstedt getötet wurde[19], ist einer der schwerwiegendsten Fälle und nur wenig bekannt. Sein Tod ist bis heute ungestraft. Die Täter des Angriffes wurden nie ermittelt und zur Rechenschaft gezogen. Laut Berichten von Versammlungsteilnehmenden nahm die Polizei nach dem Überfall nicht etwa die Angreifer, sondern Betroffene des Angriffes fest. Ebenfalls fraglich bleibt laut Augenzeugen, inwiefern das türkische Generalkonsulat von den Angriffen im Vorfeld wusste[20]. Der Fall des Mordes an Celalettin Kesim 1980 fällt ebenfalls in die Zeit der transnationalen Gewalt der Grauen Wölfe. Im Rahmen des dritten Militärputsches von 1980 wurden vor allem linke und kurdische Staatsfeinde von Ankara bis Berlin verfolgt und ermordet [21]. Zudem wurden immer häufiger nicht nur Männer, sondern gezielt Frauen in der Diaspora anvisiert – vor allem linke und progressive Akteurinnen, die versuchten, türkeistämmige Frauen, die in ihren Familien unterjocht und isoliert wurden, Alternativen zu geben. Der Schussangriff auf Seyran Ateş, selbst halb kurdische, halb türkische Frauenrechtlerin im Jahre 1986 geschah ganz gezielt in diesem Rahmen. Die damals 21-Jährige übersetzte gerade für eine Ratsuchende im Treff- und Informationsort e. V. (TIO) in Westberlin, wo sie als Studentin nebenher tätig war, als der Attentäter kam, seine Schüsse abfeuerte und die Ratsuchende tötete. Ateş überlebte. Der Täter wurde jedoch freigesprochen und der vorgeladene Referent des Verfassungsschutzes äußerte, dass er keine Aussage treffen könne, da die Grauen Wölfe kein eingetragener Verein seien[22]. Seit 1978 existierte aber eine Art „Graue Wölfe e.V.“, genauer gesagt der in Frankfurt am Main gegründete ADÜTDF (Almanya Demokartik Ülkücü Türk Dernekleri Ferdasyonu – Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland) als vom Verfassungsschutz beobachteter Dachverband, dessen Splittergruppe ATIB (Avrupa Türk-İslam Birliği – Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa) sich nur ein Jahr nach dem Anschlag auf den TIO in Köln neu und europaweit formiert hat.
Gerade nach dem Ende der Militärdiktatur 1989 fanden viele Mörder aus dem Umfeld der Grauen Wölfe Sicherheit in Deutschland, lebten unbehelligt und oft mit Schutz deutscher Behörden hier, wie der Fall Abdullah Çatlı zeigt: Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Frankfurt setzte sich Çatlı nach dem Militärputsch 1980 in die Bundesrepublik ab; nach Aussagen des ehemaligen MIT-Offiziers Korkut Eken (türkischer Geheimdienst) wurde er ab 1994 sogar im Rahmen der PKK-Bekämpfung auf deutschem Territorium eingesetzt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt von Interpol gesucht wurde[23]. Auch die Achse zwischen dem kemalistischen Establishment, den Grauen Wölfen und islamistischen Gruppen ist evident und konsolidierte sich enorm in den 1990er Jahren durch diese deutsch-türkische Kooperation. Ein Beispiel ist Necmettin Erbakan, der in den 1990er Jahren seinen politischen Aufstieg zum Premierminister der Türkei schaffte, nachdem er seit den 1970er Jahren seine in Deutschland gegründete islamistische Bewegung Millî Görüş zu einem weltweiten Phänomen gemacht hatte. Zwar war Erbakan ein erklärter Islamist und rechtskonservativer Politiker, dennoch fand beispielsweise die kemalistische Ex-Ministerpräsidentin Tansu Çiller in seinem Kabinett als Außenministerin ihren Platz und war an der ethnischen Säuberung Tausender Kurden über die 90er Jahre hinweg beteiligt. Bis heute wird sie in der Encyclopaedia Britannica als Frauenrechtlerin genannt[24]. Çiller war zudem Anfang der 1990er Jahre in engem Kontakt mit der Bundesrepublik Deutschland, um die Arbeit kurdischer Vereine und Aktivisten zu verbieten[25].
Und so ist es traurige Ironie, dass die Mörder von Kesim beispielsweise nicht nur Graue Wölfe waren, sondern auch aktiv in der Mevlana-Moschee in Berlin-Kreuzberg agitierten, die wiederum der Millî Görüş nahesteht. Auch im Fall der sogenannten „Ehrenmorde“ an kurdischen Frauen wie etwa Hatun Sürücü im Jahr 2005 in Berlin durch ihren Bruder wird unterschätzt, wie stark die Rolle von türkischen islamistischen Hasspredigern in der Radikalisierung von männlichen Tätern ist. Sowohl Vater als auch Bruder wurden nachweislich vom islamistischen Prediger Metin Kaplan agitiert[26]. Auch im Falle des Auftragsmordes an den drei kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansiz, Fidan Doğan und Leyla Saylemez im Januar 2013 wurde bekannt, dass ihr Mörder Ömer Güney vor seinem Einsatz lange in Deutschland war[27]. Der Mörder verstarb unter mysteriösen Umständen in französischer Haft, der Mord und seine Hintermänner bleiben unaufgeklärt. Bis heute bleibt der dreifache politische Femizid eine klaffende Wunde in der kurdischen Öffentlichkeit und wird insbesondere von kurdischen Frauen als Warnung erlebt.
Zusammenfassend wurde in der Gesamtgeschichte der Grauen Wölfe immer wieder auf die starke symbiotische und transnationale Natur der türkischen (extremen) Rechten zwischen völkischen, staatlichen und religiösen Elementen navigiert, um juristischen Schutz, aber auch Variation in der eigenen Legitimation aufzubauen. Sie als (1) Gegensatz zum “kemalistischen Staat“, (2) als Männerbande, als (3) von Deutschland unabhängiges Phänomen mangelnder Integration und (4) als anti-religiös zu sehen, wird der tiefen Verbindungen der Grauen Wölfe in den Staat hinein, ob in der Türkei oder in Deutschland, sowie der wichtigen weiblichen und islamistischen Figuren in ihrer Geschichte nicht gerecht.
Perspektiven nach Vorne
Während der oft zitierte Austritt der Türkei 2021 aus der Istanbul-Konvention verheerend für den Anstieg und die Konsequenzlosigkeit von Gewalt gegen Frauen in der Türkei gesehen wird, ist das Phänomen als transnational, als viel größer und viel älter als diese Maßnahme zu betrachten. Viele Analysen der Rolle von Frauen und des Frauenhasses in der türkischen (extremen) Rechten beschränken sich nur auf Deutschland: auf eine Linse, die einzelne Fälle abarbeitet und damit auf eine Perspektive, die die türkische (extreme) Rechte weder als großes und hochkomplexes Konglomerat ideologischer und politischer Schulen sieht, noch die genozidale Geschichte und Gegenwart der Türkei als imperialistisches Land versteht.
Die Verstrickung zwischen staatlichen Elementen, islamistischen Agitatoren, langjährigen rechtsextremen Netzwerken, der Straflosigkeit für verschiedenste rechts-türkische Attentäter und Gewalt gegen sowie durch Frauen, von Gökçen bis Çiller, ist hochkomplex. Die Grenzen zwischen der Türkei und Deutschland sind marginal, denn gerade der Umstand, dass die große Mehrheit der IS-Unterstützer aus der Türkei nach Syrien eingereist ist, darunter viele aus Deutschland, zeigt in vielen Fällen, dass der Handlungsspielraum von islamistischen Kadern ganz zentral von der deutsch-türkischen Achse abhängt. Nicht zuletzt zeigte die Enthüllung der Hilfe des Grauen Wölfe-nahen Mafiabosses Sedat Peker für islamistische Schergen, die in Syrien Kurden massakrierten, wie tief dieser Komplex ging[28].
Oft ist von einem Verbot der Grauen Wölfe die Rede, aber ein großer Knackpunkt ist zum einen die einzigartige Position zwischen dem staatstragenden Charakter der Grauen Wölfe und ihrer türkischen Mutterpartei MHP, die seit 2018 Koalitionspartner von Erdoğans Regierungspartei AKP ist. Zum anderen sind die Grauen Wölfe seit der türkisch-islamischen Synthese[29] tief in der Gesellschaft verankert. Gegeben der Tatsache, dass sich die Grauen Wölfe in Deutschland seit je her vor allem in Moscheegemeinden organisieren und dass die Grauen Wölfe in der Regierung des NATO-Partners Türkei vertreten sind, ist Deutschland angesichts eines Verbotes auch regulatorisch in einer Sackgasse – die sie sich selbst gebaut hat.
Die ideologischen und strukturellen Übergänge sind fließend, von der internationalen Ebene in die Vereinsebenen bis hinein in die Gesellschaft der türkischen (extremen) Rechten und ihrer weiblichen Avantgarde: Ein Blick in die Social Media-Aktivitäten und die Selbstdarstellung vieler rechter türkischer Profile zeigt einen fließenden Übergang zwischen säkular-rechten, völkisch-rechten und islamistisch-rechten Milieus, die sich leicht radikalisierende junge Menschen gegenseitig anpassen. Gerade in Deutschland ist die Beliebtheit islamistischer und migrantisch-rechter Bildsprache nicht zu unterschätzen und kulminiert auf Plattformen wie Instagram und TikTok zu einer türkisch-rechten Version dessen, was im westlichen Kontext als Tradwife-Phänomen beschrieben wird. Der Blick darauf ist aber beschränkt; die Analyse hapert an einer linksprogressiven Angst, das Thema anzugehen, und so gehen so viele Angriffe von Grauen Wölfen auf feministische Strukturen wie 2020 auf eine kurdische Demo gegen Gewalt an Frauen[30] absolut unter.
Gerade angesichts des fortwährenden Rechtsrucks in Europa gibt es eine Tendenz zu denken, dass das Verschweigen rechter und misogyner Akte in migrantischen Communitys etwas ist, was sie vor Vorwürfen von Rechts schützt und hilft, diese Gruppen in der Mobilisierung gegen Rechts nicht zu verlieren. Auch und gerade durch die Angriffe von Neonazis auf unter anderem türkische Gastarbeiter gibt es Schwierigkeiten, diesen real existierenden Rassismus gemeinsam mit einem eigenen Rassismus durch diese Gruppen zu fassen, weswegen türkischer Rassismus oft als bloße Reaktion gesehen wird. Dem sind aber drei Dinge deutlich entgegenzusetzen: noch nie waren Rechte am Überleben von migrantischen Frauen interessiert, jeglicher Einsatz für sie war und ist nie etwas, was im Kanon der europäischen Rechten ist. Zweitens ist Betroffenheit von Rassismus nicht gleich Freiheit von Rassismus. Der imperiale Hintergrund von Ländern wie der Türkei gibt ihnen als Migrationsgemeinschaft im Vergleich zu anderen Menschen mit Migrationshintergrund andere Privilegien. Gleichzeitig hat die Türkei aufgrund der Historie rechten Gedankenguts in diesem Kontext eine eigene Geschichte und Tragkraft. Die Rolle der Frau in einem rechten und imperialen geschichtlichen Hintergrund ist etwas vollkommen anderes als eine bloße Reaktion. Als Letztes aber ist zu konstatieren, dass uns die Forschung immer stärker zeigt, dass diejenigen, die im Heimatbezug rechts sind, es auch wahltechnisch in ihrer neuen Heimat irgendwann sind[31]. Wer in der Türkei Graue Wölfe und Co. unterstützt hat, hat keinen Grund, die AfD in Deutschland nicht auch zu unterstützen. Wenn Maximilian Krah von 11–15 Prozent Unterstützung unter westdeutschen Türkeistämmigen[32] redet, muss das in diesem Kontext gesehen werden. Längst sind die Kader der deutschen (extremen) Rechten nicht nur auf Biodeutsche beschränkt, längst nicht nur auf Männer, denn der Blick auf Rechtsradikalismus und Antifeminismus in der migrantischen Community geht Hand in Hand mit dem allgemeinen Kampf gegen die Rechte.