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Zwischen Enttäuschung, Identität und Einfluss: Warum Desinformation in russlanddeutschen Communitys verfängt

Während der Bundestagswahl 2025 sorgte ein gefälschtes Video für Aufsehen. Das Video zeigt, wie vermeintlich in einem Hamburger Wahllokal Wahlzettel mit Stimmen für die AfD aussortiert und vernichtet werden[1]. Recherchen des NDR zufolge führen digitale Spuren der Fälschung nach Russland und bestärken die Annahme einer kommunikativen Anschlussfähigkeit zwischen russischen Akteur:innen und AfD-nahen Narrativen[2]. Die Inhalte des Videos passen nicht nur perfekt in das selbst konstruierte Opfernarrativ der AfD, sie knüpfen auch an die emotionalen Wunden vieler Migrant:innen an.

Diese Beobachtung führt zu einer zentralen Frage: Welche spezifischen Dynamiken könnten dazu beitragen, dass Russlanddeutsche, trotz langjähriger Integration, möglicherweise eine erhöhte Anfälligkeit für Desinformation aufweisen? Im Folgenden wird versucht, mögliche Erklärungsansätze zu skizzieren, die sowohl die historischen als auch die medialen Dimensionen beleuchten, ohne dabei den Anspruch zu erheben, sämtliche Phänomene abschließend zu erklären. Ziel ist es, einen Anstoß zur kritischen Auseinandersetzung mit den Mechanismen moderner Desinformationsstrategien zu geben und eine Einordnung einer heterogenen und oft übersehenen Bevölkerungsgruppe zu ermöglichen.

 

a) Das Othering der 1990er und die späte politische Sichtbarkeit

In den 90er Jahren migrierten etwa zwei Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland[3] – mit einem Anspruch auf den deutschen Pass, russischer Sprache und sowjetisch geprägter Identität. Diskriminierungen, soziale Unsicherheit und kulturelle Missverständnisse prägten ihre Ankunft. Diese Ablehnung zeigte sich in alltäglichen Situationen, im Arbeitsleben, im Bildungssystem und bei sozialen Kontakten. Die Diskriminierung führte bei vielen zu einem dauerhaften Gefühl des Andersseins, trotz intensiver Bemühungen sich zu assimilieren.

Hier setzt die AfD an: Die Partei erkannte das tiefe Gefühl der Entfremdung, den latent vorhandenen politischen Unmut und das Potenzial, in einer politisch marginalisierten Gruppe Stimmen zu mobilisieren[4]. Russlanddeutsche schwanken aufgrund ihrer spezifischen Migrationsgeschichte häufig zwischen Ablehnung und selektiver Anerkennung. Diese Widersprüchlichkeit bietet ein ideales Nährfeld für populistische Narrative, die Versprechen von Selbstbestimmung und Repräsentation geben. Die AfD adressiert diese Gruppe gezielt, indem sie den Eindruck vermittelt, dass Russlanddeutsche endlich gehört und gesehen werden[5]. Dabei werden nicht nur symbolische Aktionen unternommen, sondern auch spezifische Kommunikationsstrategien entwickelt, die die eigene Identität in den Vordergrund rücken. Populistische Parteien instrumentalisieren verstärkt Identitäts- und Integrationsdebatten, um das Gefühl der Marginalisierung in politisches Engagement umzuwandeln. In diesem Kontext werden kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten als politische Ressource dargestellt, während traditionelle Elemente der (in diesem Fall) russischsprachigen Diaspora, z.B. die historische Verbundenheit mit der ehemaligen Sowjetunion, in populistische Narrative eingebettet werden. Zusätzlich bestärkt die Verbundenheit zwischen der AfD und dem russischen Politikapparat die forcierte Annahme, dass die AfD die einzige Partei ist, die dem komplexen Identitätskonflikt der Russlanddeutschen versteht und diesem Raum gibt[6].

Das klassische populistische Narrativ der „Wir gegen die Anderen“-Logik spielt auch bei der AfD eine zentrale Rolle und interpretiert dieses auf unterschiedlichen Ebenen. Bezogen auf Russlanddeutsche löst die Partei diese strategisch aus der Kategorie „Migrant:innen“ heraus, um sie als Teil eines konstruierten „Wir“ zu positionieren. Dabei greift sie auf deren Status als (Spät-)Aussiedler:innen mit deutschem Pass zurück und stellt sie in bewussten Kontrast zu anderen Migrant:innengruppen, insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern. Russlanddeutschen werden als „echte Deutsche“ inszeniert, als kulturell anschlussfähig und integrationswillig[7]. Diese Konstruktion erlaubt es der AfD, ein emotional aufgeladenes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, in dem sich Russlanddeutsche nicht als Zugewanderte, sondern als „Rückkehrer:innen“ mit legitimer Zugehörigkeit wiederfinden. So wird das „Wir“ gestärkt, während „die Anderen“ in Abgrenzung dazu als Bedrohung für Kultur, Sicherheit und Sozialstaat dargestellt werden. Auf diese Weise gelingt es der AfD, innerhalb von Migrationsdiskursen eine Hierarchie aufzumachen, in der einige Migrant:innengruppen als „wertvoller“ und „deutscher“ gelten als andere. Diese Instrumentalisierung kollektiver Identität und Herkunft dient nicht nur der Mobilisierung von Wähler:innen, sondern auch der Legitimation rassistischer und ausgrenzender Politik.

 

b) Medienkonsum und Einfluss russischer Informationswelten

Viele Russlanddeutsche schauen russischsprachige Medien, nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil sie in ihrer Kindheit und Jugend diese Sprache verinnerlicht haben und sich in dem damit verbundenen Kulturraum heimisch fühlen. Diese mediale Komfortzone birgt jedoch Risiken. So senden russische Staatskanäle Inhalte, die prorussische Sichtweisen propagieren. Die Wirkung dieser Inszenierung wird durch den sogenannten Illusory Truth Effect[8] verstärkt. Dieser besagt, dass wiederholte Informationen als glaubwürdiger empfunden werden, ungeachtet ihres tatsächlichen Wahrheitsgehalts. Ergänzend zu diesen Mechanismen sind auch Mitglieder der AfD, beispielsweise Eugen Schmidt und Olga Petersen[9], regelmäßig im russischen Fernsehen präsent. Ihr wiederkehrendes Erscheinen in Formaten, die ähnliche narrative Schemata bedienen, bestärkt den Eindruck eines alternativen Realitätsbildes. Die systematische Wiederholung von Botschaften in einem emotional und kulturell vertrauten Kontext beeinflusst die kognitive Verarbeitung von Informationen nachhaltig. Dieser Effekt wird besonders dann wirksam, wenn die präsentierten Inhalte in einem für die Zielgruppe bedeutsamen Rahmen eingebettet sind. Der kontinuierliche Kontakt zu solchen Inhalten über diverse Kanäle hinweg trägt dazu bei, das Vertrauen in alternative Narrative zu erhöhen, was letztlich zu einer Polarisierung im politischen Diskurs führen kann[10].

 

c) Vertrauen durch Nähe: Wie parasoziale Beziehungen Desinformation verstärken

Wir hinterfragen Informationen weniger, wenn sie von Menschen kommen, die wir sympathisch finden. In der Vergangenheit waren das vor allem Menschen aus unserem unmittelbaren persönlichen Umfeld. In Zeiten von TikTok, Telegram und YouTube vertrauen wir nicht nur nicht mehr ausschließlich analogen Medien, sondern auch digitalen Kontakten. Parasoziale Beziehungen[11] bezeichnen einseitige Bindungen, bei denen Zuschauende das Gefühl haben, eine persönliche Beziehung zu Personen des öffentlichen Lebens zu haben. Eine Studie aus dem Jahr 2017[12] bestätigt, dass parasoziale Interaktionen in Social-Media-Umgebungen signifikant dazu beitragen wie glaubwürdig Konsumierende Nachrichten und Meinungen von Content Creator:innen einschätzen. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Vertrauensvorschuss in digitale Persönlichkeiten dazu führt, dass Informationen weniger kritisch hinterfragt werden, was im Umkehrschluss Desinformationsprozesse begünstigen kann. So kann ein einzelnes, manipulierendes Video, selbst wenn es zunächst als fragwürdig empfunden wird, durch Wiederholung und Bestätigung in verschiedenen Formaten und von vertrauten Kontakten allmählich als Wahrheit akzeptiert werden. An dieser Stelle greift ebenfalls der Ilusory Truth Effect.

Das Zusammenspiel der genannten Faktoren lassen sich am folgenden Szenario verdeutlichen:

  Erstkontakt: Person A scrollt durch Instagram und stößt auf ein Video, in dem angeblicher Wahlbetrug in Hamburg gezeigt wird. Zunächst bleibt die Information unscheinbar, da sie in einem schnellen Social-Media-Rhythmus untergeht.

Wiederholung: Einige Stunden später sieht Person A in einem russischsprachigen Telegram-Kanal eine Nachricht, die exakt denselben Vorfall berichtet. Die Wiederholung erhöht die Glaubwürdigkeit der Information, da sie nun in einem Format präsentiert wird, das an klassische Nachrichten erinnert.

Soziale Bestätigung: Am Abend bemerkt Person A, dass ein enger Freund, Person B, das Video mit einem eindringlichen Kommentar geteilt hat. Dieser persönliche Kontakt verstärkt den Eindruck, dass es sich um ein ernstzunehmendes Thema handelt.

Parasoziale Verstärkung: Schließlich berichtet ein Comedy-Influencer, dem Person A lange folgt, in einem weiteren Video über den Vorfall und bringt dabei ebenfalls Empörung zum Ausdruck. Für Person A erscheint dies als der schlagende Beweis, denn eine Person, die normalerweise unpolitisch ist, teilt die Information nun mit Nachdruck.

Durch diese wiederholte und vielschichtige Bestätigung wird aus einer anfänglich skeptisch betrachteten Nachricht ein gefestigter Konsens, der kaum noch hinterfragt wird. In der Realität gestaltet sich dieser Prozess komplexer, die Analogie verdeutlicht dennoch die Herangehensweise.

 

Gegenmaßnahmen: Wie lässt sich der destruktiven Dynamik entgegenwirken?

Die Verbreitung von Desinformation in russlanddeutschen Communitys ist das Resultat eines vielschichtigen Zusammenspiels historischer Erfahrungen, emotionaler Bindungen an sprachliche und kulturelle Identität sowie digitaler Einflussmechanismen. Es handelt sich nicht um eine inhärente Anfälligkeit, sondern um das Produkt spezifischer Informationsräume, in denen sich manipulative Narrative besonders gut festsetzen.

Die Komplexität der Desinformationsdynamik erfordert weit mehr als einfache Faktenchecks. Es bedarf umfassender Bildungs- und Integrationsangebote, die die Betroffenen dazu befähigen, kritisch mit Informationen umzugehen. Durch die Vermittlung von Medienkompetenz, die Förderung des kritischen Dialogs und den kultursensiblen Austausch wird den Betroffenen ein Weg aus der Desinformationsspirale eröffnet. Nur so lässt sich langfristig eine resiliente und informierte Öffentlichkeit schaffen, die den teils destruktiven Dynamiken moderner Informationswelten standhält.

 

 

 

[1] Bernhard, Max/Ectermann, Alice. 2025. Bundestagswahl 2025: Kein Schreddern von AfD-Stimmen in Hamburg – Video zeigt gefälschte Briefwahl-Unterlagen. Correctiv. https://correctiv.org/faktencheck/2025/02/20/bundestagswahl-kein-schreddern-von-afd-stimmen-in-hamburg-video-zeigt-gefaelschte-briefwahl-unterlagen/ 
[2] NDR. 2025. Hamburgs Wahlleiter warnt vor Fake-Video – Spur führt nach Russland. https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Hamburgs-Wahlleiter-warnt-vor-Fake-Video-Spur-fuehrt-nach-Russland,fakevideo104.html
[3] Bundeszentrale für politische Bildung. 2022. kurz&knapp: Soziale Situation in Deutschland. (Spät-)Aussiedler. https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61643/spaet-aussiedler/
[4] Kontext zur Mobilisierungsstrategie der AfD, um Russlanddeutsche zu erreichen, bietet folgende Dokumentation des NDR: „Russlanddeutsche, die AfD und Ich“. https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL25kci5kZS8xMzkxXzIwMjQtMDUtMDYtMjItMDA;
sowie Panagiotidis, Jannis. 2021. Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 171ff; 182ff.
[5] Doerschler, Peter/Panagiotidis, Jannis. 2022. Alternative für Russlanddeutschland? Russlanddeutsche SpätaussiedlerInnen und die AfD. In: Brinkmann, H.U/Reuband, KH. (Hrsg.). Rechtspopulismus in Deutschland. Springer VS. Wiesbaden; Beispiel zur Mobilisierungsstrategie der AfD finden sich in Gruppen wie „Russlanddeutsche für die AfD NRW: https://russlanddeutsche-afd.nrw/.
[6] Spahn, Susanne. 2018. Russischsprachige im Fokus: Wie Russland und die AfD Einfluss nehmen. In: ISPSW Strategy Series: Focus in Defense and International Security 548; Straatmann, Lara/Diettrich, Silke. 2024. „Alternative für Russland? Die AfD und der Kreml“. Monitor, WDR. https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/alternative-fuer-russland-die-afd-und-der-kreml-100.html; Mobilisierungsbeispiel der AfD: https://www.facebook.com/AfDrus/photos/pb.100069235598726.-2207520000/1942113725936410/?type=3
[7] Kiefer, Iliane/Mangold, Paula/Prokopkin, Sergej. 2021. Wie Rechtspopulisten versuchen, russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler/innen in sozialen Medien für ihre Sache zu gewinnen. Zentrum Liberale Moderne. https://libmod.de/rechtspopulisten_versuchen_russlanddeutsche_soziale_medien_gewinnen/
Schmidt, Eugen. 2024. „Spätaussiedler sind ein Gewinn für Deutschland“. https://afdbundestag.de/eugen-schmidt-auch-neueste-zahlen-zeigen-spaetaussiedler-sind-ein-gewinn-fuer-deutschland/
[8] Udry, Jessica/Barber, Sarah J. 2024. The illusory truth effect: A review of how repletion increases belief in misinformation. In: Current Opinion in Psychology 56. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2352250X23001811
[9] Spiegel Online. 2023. AfD-Politiker treten erneut in russischer Talkshow auf. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/eugen-schmidt-und-olga-petersen-afd-politiker-treten-erneut-in-russischer-talkshow-auf-a-ac26e39d-fee9-44ef-ab01-37226d015fa4
[10] Mehr Informationen und Daten zu der Auswirkung von Desinformation in Deutschland und ihrem Umfang finden sich bei dem Center for Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) und der Amadeu-Antonio-Stiftung.
[11] Horton, Donald/Wohl, R. Richard.1956. Mass Communication and Para-Social Interaction. Observations on Intimacy at a Distance. In: Psychiatry. Interpersonal and Biological Processes 19, pp 215-229
[12] Chung, Siyoung/Cho, Hichang. 2017. Fostering Parasocial Relationships with Celebrities on Social Media: Implications for Celebrity Endorsement. In: Psychology and Marketing 34(4), pp 481-495.
 

 

 

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