Blog Beitrag

Diskussionsbeitrag: Nationalistische Ideologien unter Jugendlichen mit Migrationsgeschichte

Drei unterschätzte Aspekte und ihre Folgen aus der Perspektive der offenen Jugendarbeit

Sertan Batur

Vorbemerkung perspek’tif:a: Auch in Österreich wird über den richtigen Umgang mit den Grauen Wölfen diskutiert. Für Debatten sorgten insbesondere mehrtägigen Ausschreitungen, zu denen es im Juni 2020 im Wiener Stadtteil Favoriten kam: Damals wurde eine Kundgebung kurdisch-türkischer Aktivist*innen von Personen, die sich offenbar mit den Grauen Wölfen identifizierten, gestört, später wurde das ehemals besetzte Ernst-Kirchweger-Haus angegriffen, in dem unter anderem auch linke kurdische und türkische Organisationen ihren Sitz haben. Wie ist die Beteiligung vieler Jugendlicher an diesen rechtsextremen Übergriffen zu beurteilen und wie sollte Jugendarbeit hierauf reagieren? Hierzu möchten wir im Folgenden zwei Perspektiven aus Wien einander gegenüberstellen. So plädiert der Jugendarbeiter und Psychologe Sertan Batur in seinem Beitrag dafür, die Identifikation mit den Grauen Wölfen nicht mit einer vollständigen Unterstützung von Ideologie und organisierten Strukturen der Grauen Wölfe gleichzusetzen. Vielmehr müssen die identitätsbildende Wirkung, eigene Rassismuserfahrungen und jugendkulturelle Aspekte berücksichtigt werden, die Jugendliche dazu bringen können, eine entsprechende Identität aufzubauen. In der Folge plädiert er für eine interessierte, positionsbeziehende, offene, bedürfnisorientierte, beziehungsaufbauende und solidarische Haltung den Jugendlichen gegenüber. Der Journalist und Sozialarbeiter Michael Bonvalot wiederum warnt in seinem Beitrag davor, politische Selbstbeschreibungen zu verharmlosen und die Fehler zu wiederholen, die die akzeptierende Jugendarbeit in den 1990ern in Deutschland beging.  Stattdessen sollte Soziale Arbeit Täter*innen auch als solche adressieren und Tathandlungen mit ihnen aufarbeiten, ohne jedoch darüber die Betroffenen aus dem Blick zu verlieren.

 

Im Juni 2020 wurde eine kurdische Kundgebung im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten von türkischen Nationalist:innen angegriffen. Als die Kundgebungsveranstalter:innen im Lokal eines linken Vereins Zuflucht fanden, versammelten sich in kurzer Zeit hunderte Angreifer:innen vor dem Lokal, das sich im ehemals besetzten Ernst-Kirchweger-Haus befindet. Sie zerschlugen die Fenster des Lokals und versuchten sogar das Haus anzuzünden. Drei Tage lang dauerten Demos, Gegendemos und Polizeieinsätze.[1] Es gab mehrere Festnahmen, demolierte Autos und von allen Seiten heftige Kritik an der Polizei. Die Vorfälle lösten eine Diskussion in den Medien und in der österreichischen Politik über Migrant:innen in Österreich aus. Auf ihrer Facebook-Seite distanzierte sich die von der türkischen ultrarechten Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) unterstützte Türkische Föderation in Österreich (Avusturya Türk Federasyon) von den Krawallen und rief alle dazu auf, vor den österreichischen Gesetzen Respekt zu haben. Trotzdem wurde der Angriff durch österreichische Medien und Politik als eine Aktion der Grauen Wölfe eingestuft. Es war ja eindeutig, dass mehrere Teilnehmende sich mit den Grauen Wölfen oder mit ihren Symbolen identifizierten: Sie hatten türkische Fahnen getragen, den in Österreich seit der rechten ÖVP-FPÖ-Koalition verbotenen Wolfsgruß gezeigt und „Allahu ekber“ gerufen.

Ein Teil der Diskussion war auf die Möglichkeit eines direkten Einflusses aus der Türkei gerichtet, wo die MHP – die Partei der Grauen Wölfe – als kleiner Partner in der Regierung sitzt und der große Regierungspartner – Erdoğans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) –  türkischen Nationalismus immer mehr in die eigene Politik integriert.[2] Es ist bekannt, dass manche Mitglieder der türkischen Regierungsparteien oder hochrangige türkische Bürokraten in Verbindung mit rechtsextremen und kriminellen Organisationen in Europa wie Osmanen Germania stehen.[3] Solche Gruppierungen werden für die Einschüchterung von oppositionellen Intellektuellen oder Journalist:innen eingesetzt[4] und wirken als Handlanger des türkischen „tiefen Staates“ innerhalb der türkischen und kurdischen Diaspora in Europa.

Solche Verbindungen erklären aber nicht, warum die nationalistische Ideologie in der Diaspora so einen großen Einfluss findet, sich in einer europäischen Hauptstadt innerhalb von wenigen Stunden hunderte Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren über soziale Netzwerke mobilisieren lassen. Diese Jugendlichen als eine straff organisierte und aus der Türkei kontrollierte faschistische Organisation darzustellen, entspricht nicht der Realität. Solch vereinfachte Erklärungsansätze machen es unsichtbar, dass wir es nicht nur mit einem politischen, sondern auch mit einem sozialen Thema zu tun haben. 

Dieser Blogbeitrag basiert nicht nur auf meinen eigenen Erfahrungen als Jugendarbeiter mit diesen Jugendlichen, sondern auch auf Interviews mit Teilnehmenden der Krawalle, die im Rahmen einer Bachelorarbeit entstanden sind[5], sowie auf den Erfahrungen eines im selben Zusammenhang entstandenen Videoprojekts, welches mit der Beteiligung der Jugendlichen verwirklicht wurde. [6]   Drei Aspekte der nationalistischen Ideologien werden in diesem Beitrag zusammengefasst und zum Schluss wird die präventive Arbeit der Praxis von der Jugendsozialarbeit in Bezug auf diese Aspekte diskutiert. Obwohl diese Erfahrungen in Österreich gesammelt wurden, ist das hier behandelte Phänomen keinesfalls eine österreichische Besonderheit, sondern betrifft auch deutsche Metropolen, in denen die türkische Diaspora große Ähnlichkeiten aufweist.

Imaginäre Macht

Zuerst sollten wir feststellen, dass nationalistische Neigungen nicht nur ein Thema der türkischen Jugendlichen in der Diaspora sind. Wenn man Instagram-Kontos von mehreren Jugendlichen mit Migrationsgeschichte durchgeht, findet man in ihren Bios öfter Eigenbezeichnungen wie „stolzer Türke“, „stolzer Araber“, „stolze Muslimin“, „stolze Albanerin“, „stolze Kurdin“ usw. Auch in der Mehrheitsgesellschaft ist es kein Geheimnis, dass rechtspopulistischen Parteien in Europa unter  Jugendlichen in manchen Regionen mit großer Unterstützung rechnen können.[7] Die Gründe des Erfolgs der rechten Ideologien unter Jugendlichen detailliert und soziologisch zu analysieren würde den Rahmen dieses Blogbeitrags sprengen. Aber ein paar Sätze über die Jugendlichen mit türkisch-nationalistischen Tendenzen können uns dabei helfen, den sozialen Hintergrund des türkischen Nationalismus in der Diaspora zu verstehen.

Als Kinder von Migrantenfamilien sind diese Jugendlichen deutlich mehr von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen als einheimische Jugendliche.[8] Sie sind direkt vom institutionalisierten und strukturellen Rassismus sowie Segregation an den Schulen betroffen.[9] Als Kinder aus klassischen Arbeiter:innenfamilien können sie meistens die sozialen Kompetenzen, die in der neoliberalen Wirtschaftsordnung im Arbeitsmarkt nötig sind,  weder in der Familie noch in der Schule erwerben, wo sie wegen der Segregation benachteiligt werden. Sie werden meistens von klassischen Geschlechterbildern beeinflusst, was ihre Marginalisierung in der neoliberalen Gesellschaft verstärkt. Auch den alltäglichen Rassismus spüren sie stark bei politischen und medialen Diskussionen. Fehlendes Interesse an der Politik des Landes, wo sie leben, ist meisten ein Zeichen der fehlenden Partizipationsmöglichkeiten und Ausgegrenztheit aus der einheimischen Politik. Gerade hier, wo Jugendliche keine Handlungsmöglichkeiten finden, machtlos und von der Mehrheitsgesellschaft überwältigt dastehen, bieten ihnen nationalistische Ideologien imaginäre Handlungsmöglichkeiten und Machtbereiche an. Sehr treffend benennt Benedict Anderson die Handlungsmöglichkeiten, die dieser long distance nationalism („ferner Nationalismus“) eröffnet:

„Je mehr eine Diasporagruppe sich ausgeschlossen, nicht beachtet, übergangen und diskriminiert fühlt, desto mehr neigt sie dazu, sich der Politik ihres Heimatlandes zuzuwenden – besonders dann, wenn das Land in Schwierigkeiten ist. Dann beginnt man, Internetbotschaften zu senden, Propaganda zu machen, Geld zu schicken, vielleicht sogar Waffen zu kaufen. In den reichen westlichen Ländern können die Menschen vieles tun, was eine wirkliche Einflussnahme auf die Ereignisse in der Heimat ermöglicht. Es gibt viele Diasporagemeinschaften, deren Heimatland in großen Schwierigkeiten, innenpolitisch zerrissen ist. Aber die Voraussetzung für die Einflussnahme ist, dass sich diese Menschen als Helden imaginieren können, ja manchmal sogar als Heldinnen. Sie kämpfen im Internet und nicht auf dem Schlachtfeld für ihr Land, für die Befreiung. Und das ist eine gänzlich andere Erfahrung.“[10]

Hier ist es wichtig, eine Unterscheidung zwischen dem Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft und dem „fernen Nationalismus“ in der Diasporagruppe zu machen. In den aktuellen Formen des Rassismus im heutigen West- und Nordeuropa geht es in erster Linie darum, dass die „eigene“ nationale Identität sehr abstrakt und durch die Konformität mit den bestehenden Wertvorstellungen und Machtverhältnissen charakterisiert wird.[11] Diese Machtverhältnisse sind durch die Eingriffe des Nationalstaates gesichert und sind keine bloßen Konstruktionen sondern juristische Gegebenheiten. Der ferne Nationalismus verlangt aber im Gegenteil keine Konformität mit den bestehenden Verhältnissen in dem Nationalstaat, in dem die Diasporagruppe lebt, sondern bietet eine „imaginäre“ Macht im Herkunftsland der Eltern oder Großeltern, obwohl Menschen in der Diaspora auch im Heimatland öfter Diskriminierungen erleben.  Die nationalistische Ideologie ist bereit, sie als Held:innen zu akzeptieren, wie sie sind, anders als die neoliberale Gesellschaft, in der sie als nicht mehr benötigte billige Arbeitskräfte aufgefordert werden, sich neue soziale Kompetenzen anzueignen und „akzeptable“ Umgangsformen mit den eigenen Diskriminierungserfahrungen zu entwickeln, um in der Gesellschaft einen legitimen Platz zu finden. Die nationalistische Ideologie idealisiert dagegen ihre traditionellen Lebenskonzeptionen, Geschlechterbilder und ihre Reaktion gegen die Diskriminierung auf der ethnischen und sozialen Basis. So bietet der Nationalismus eine Vorstellung, dass die diskriminierte Gruppe eine Machtposition gewinnt, nicht nur gegenüber anderen ethnischen Gruppen im Heimatland, sondern auch im Land, wo sie leben, gegenüber der diskriminierenden Mehrheitsgesellschaft. Nationalistische Ideologien bringen die unterdrückten Gruppen im „Heimatland“ öfter mit den Unterdrückenden in Europa in Verbindung und erzeugen dadurch die Illusion, gegen Kolonialismus, Imperialismus oder sogar Rassismus zu sein[12]. Die Vorstellung „eigentlich“ besser oder moralisch überlegen zu sein und die Möglichkeit, zu den „goldenen Zeitaltern“ zurückzukehren, in denen die „eigene“ Gruppe alle anderen unter ihre Herrschaft gebracht hat, ersetzt die Handlungsmöglichkeiten, die unmöglich oder zu gefährlich erscheinen, wie gegen die Unterdrückung zu kämpfen. Deshalb sind die nationalistischen Ideologien unter den Migrant:innen nicht isoliert von ihrer aktuellen Unterdrückung und von den aktuellen Machtverhältnissen zu diskutieren. Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft und der ferne Nationalismus der Diasporagruppe sind zwei Seiten derselben Medaille.

Diese imaginäre Macht ist für die Regierungen der Heimatsstaaten sehr funktionell und wird von diesen andauernd gepflegt. Während sich die einheimischen Medien kaum Mühe geben, Migrant:innen anzusprechen, versuchen die regierungsnahen Medien in den Heimatsländern mit speziellen Sendungen und Inhalten die Diasporagruppen anzusprechen. So finden Regierungen die Möglichkeit, die Diaspora, die sie vor allem als eine wichtige finanzielle Quelle sehen, auch politisch zu beeinflussen und zu mobilisieren.

Identitätsbildung

Ein zweiter und wichtiger Aspekt ist die identitätsbildende Funktion des Nationalismus. Hier sollen nicht nur sozial-, sondern auch entwicklungspsychologische Aspekte berücksichtigt werden. Dabei ergänzen sich die erlebte Diskriminierung auf der ethnischen Basis und die nationalistische Ideologie gegenseitig und wirken stark auf die Identitätsbildung der Jugendlichen in der Diaspora.

Mit den folgenden Worten erklärt ein Jugendlicher in der Bachelorarbeit von Pamina Gutschelhofer seinen Wunsch, nicht einer diskriminierten Gruppe zugehörig betrachtet zu werden:

„Naja, es… bei uns, also wir haben, viele Türken, haben Komplexe mit solchen Sachen. Wenn man sagt. “Ja bist ja nur ein scheiß Türke” z.B. Der der … ich bin so einer der regt sich auf, wenn man das sagt, weil also nicht von dem her, dass ich wirklich ein scheiss Türke bin, sondern ich sehe mich nicht als Türke, sondern ich sehe mich eher wie ein Osmane.“[13]

Gutschelhofer erklärt den Wunsch, eher als Osmane bezeichnet zu werden mit dem Wunsch, „sich nicht mehr in einer untergeordneten Rolle zu befinden, sondern die Rolle des Beherrschenden einzunehmen.“[14]

Diese Vorstellungen über eigene Identität haben auch eine alltägliche Funktion. Andauernd erlebte Diskriminierung führt dazu, dass sich Jugendliche Nischen in der Gesellschaft schaffen, wo sie nicht rassistisch diskriminiert werden. Hier spielt die nationalistische Ideologie eine gewisse bindende Rolle. Solange die Gruppe dieselbe nationalistische Ideologie teilt, können sie sicher sein, dass sie in der Gruppe mit ihresgleichen zu tun haben und sich vor diesen nicht erklären bzw. rechtfertigen müssen. In einem Interview erklären Jugendliche aus dem Videoprojekt „Lasst Brüder nicht Kämpfen“, die sich mittlerweile von den Grauen Wölfen distanziert haben, die Funktion der nationalistischen Ideologie in der Gruppenbildung:

„‚Mit 13 war jeder ein Bozkurt‘ [Grauer Wolf, S.B.], sagt Cengiz. ‚Aber da hat man auch keine Ahnung, was das bedeutet‘, erzählt er. Für ihn hieß es einfach Türke zu sein. ‚Wenn ich jemanden kennengelernt habe, und er war auch ein Bozkurt, dann hieß es einfach: Passt. Ein Wort und man war befreundet‘, so Cengiz. Die zwei anderen Burschen nicken als er das sagt. Mittlerweile wisse man, wie falsch das sei. ‚Wir hatten alle Abis[15], die uns irgendwann aufgeklärt haben‘, sagt Atilla. ‚Nur Kinder unterstützen die Bozkurt. Und zu viel Nationalstolz ist auch nicht gut‘.“[16]

In den alltäglichen Gesprächen in der Jugendarbeit ist es oft der Fall, dass Jugendliche, die sich mit den Grauen Wölfen identifizieren und rechtsextreme Symbole tragen, kaum Informationen über die Grauen Wölfe oder die MHP haben. Sie verwenden das Wort Grauer Wolf gleichbedeutend damit, „stolzer Türke“ zu sein. Der Name und die Symbolik haben in diesen Fällen eine identitäts- bzw. gruppenbildende Funktion.

Jugendkulturelle Aspekte

Ein dritter und wichtiger Punkt ist der jugendkulturelle Aspekt. Der Aktionismus der rechten Ideologie hat oft eine Anziehungskraft für Jugendliche. Warum ein Jugendlicher in Favoriten mitgemacht hat, erklärt er wie folgt:

„‚Mir war fad‘, erinnert sich Cengiz an den 25. Juni, als er eine Nachricht aufs Handy bekam. ‚Ein Kurde hat einer Schwester das Kopftuch runtergezogen. Kommt alle Reumann‘. ‚Ich dachte mir: Passt. Aktion. Da bin ich dabei‘, erzählt Cengiz. Für den 17-Jährigen klang es nach Spaß.“[17]

Was der eigentliche Grund der Krawalle in Favoriten war, ist vielen Teilnehmenden immer noch unbekannt.[18] Jugendliche haben über soziale Netzwerke unterschiedliche Gerüchte gehört und spontan entschieden hinzugehen. Hier spielt neben dem Spaßfaktor auch die Gruppenzugehörigkeit eine wichtige Rolle. Freund:innen nicht im Stich lassen[19] und das Gesicht vor der Freund:innengruppe zu bewahren[20], wird von Jugendlichen häufig als Grund ihrer Teilnahme an den Krawallen angegeben. Jugendkulturelle Faktoren erklären auch, warum die Angreifer:innen in den Krawallen in Favoriten nicht nur aus türkischen Jugendlichen bestanden haben, sondern aus einer Mischung von Jugendlichen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen wie Türk:innen, Afghan:innen, Tschetschen:innen, Bulgar:innen,, Pakistanis usw.[21]

Präventive Arbeit

Diese drei Aspekte der nationalistischen Ideologien, also imaginäre Macht gegen Unterdrückung, gruppenbildende Funktion und jugendkulturelle Aspekte, spielen in der präventiven Arbeit eine wichtige Rolle. Jugendliche können sich mit den Grauen Wölfen und ihren Symbolen aus diesen Aspekten identifizieren, ohne sich an einer organisierten Struktur zu beteiligen und die Ideologie der Grauen Wölfe und deren Hintergründe ganz genau zu kennen. Rechte Gruppierungen sowie die Organisationen des türkischen „tiefen“ Staates rekrutieren solche Jugendliche, da sie als vermeintliche Held:innen eine gewisse Manipulations- und Gewaltbereitschaft mitbringen. Das bedeutet aber wiederum, dass nicht alle Jugendlichen, die sich mit Grauen Wölfen oder ihren Symbolen identifizieren, gleich organisierte und ideologisierte Faschist:innen sind.

In der präventiven Arbeit ist es wichtig, die imaginären Handlungsmöglichkeiten, welche die nationalistischen Ideologien bieten, gemeinsam mit den Jugendlichen zu reflektieren. Diese sollen von Jugendlichen im Idealfall durch reale Handlungsmöglichkeiten ersetzt werden. Als Grundhaltung ist es von enormer Wichtigkeit, die Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen ernst zu nehmen, diskriminierungsfreie Räume zu schaffen, in denen diese Erfahrungen sowie mögliche gemeinsame Handlungsstrategien erörtert werden. Ein wichtiger Teil von präventiver Arbeit ist, nicht nur den Alltagsrassismus, sondern auch den strukturellen und institutionalisierten Rassismus als eine gesellschaftliche Realität zu akzeptieren, in der ersten Linie nicht das Verhalten von den Diskriminierten, sondern den nationalen Staat und seine juristischen Eingriffe zu problematisieren. Eine klare Parteilichkeit für die Unterdrückten hat nicht nur eine stärkende Funktion, um eigene Handlungsfähigkeit wiederherzustellen, sondern auch eine Vorbildfunktion.

Die präventive Arbeit soll aber keinesfalls neue Machtverhältnisse zwischen den erwachsenen einheimischen Jugendarbeiter:innen und den migrantischen Jugendlichen erzeugen, sondern sich an den Interessen und Bedürfnissen von Jugendlichen orientieren und auf Augenhöhe stattfinden. Jugendarbeit nimmt hier keine „erzieherische“ Machtposition, sondern eine sich solidarisierende, unterstützende Rolle ein und ermöglicht den Erfahrungsaustausch unter den Jugendlichen bzw. zwischen Jugendlichen und erwachsenen Jugendarbeiter:innen.

Gemeinsam über die identitätsbildenden Prozesse zu diskutieren und die nationalistischen Narrativen zu reframen sind hierbei wichtige Teile der präventiven Arbeit. Das Problem dabei ist nicht, dass eine Gruppe von Jugendlichen sich als Türk:innen definieren, da diese Definition zum größten Teil von außen gegeben wird. Das Problem ist eher, dass sie ihr Türk:in-Sein durch die Diskriminierung von anderen Gruppen konstruieren. Refraiming eröffnet hier die Möglichkeiten, die Gruppenidentität zu bewahren, ohne nationalistische Narrative zu übernehmen. Beispielsweise ist es nicht notwendig, sich mit den Jungtürken zu identifizieren, die 1915 Armenier:innen massakriert haben, um stolze:r Türk:in zu sein. Man kann immer noch als Türk:in stolz sein, indem man sich mit anderen Türk:innen identifiziert, die gegen die jungtürkische Politik gekämpft und sich mit den armenischen Zivilist:innen solidarisiert haben.

Auch jugendkulturelle Aspekte werden in der präventiven Arbeit thematisiert. Einerseits ist es wichtig, den Spaßfaktor ernst zu nehmen, das Thema mit Humor anzugehen[22] und Jugendlichen andere Spaßmöglichkeiten zugänglich zu machen. Außerdem sollte man durchgehend mit Jugendlichen im Dialog bleiben und Informationen über aktuelle Jugendkultur haben. Aktuellen Trends in der Musik, in den Medien und sozialen Netzwerken zu folgen und sich mit Jugendlichen darüber auszutauschen und Freundschaftsstile sowie Beziehungs- und Lebenskonzepte von Jugendlichen gemeinsam mit ihnen zu diskutieren sind wichtige Bestandteile der präventiven Arbeit. Auch hier ist es wichtig, die nationalistischen und patriarchalen Narrative zu problematisieren und die Jugendlichen zu unterstützen, eigene Lebens- und Freundschaftskonzepte zu entwickeln, die ihren aktuellen Interessen entsprechen.

Das wichtigste Fundament der präventiven Arbeit ist eine interessierte, positionsbeziehende, offene, bedürfnisorientierte, beziehungsaufbauende und solidarische Haltung. Es wäre jedoch kontraproduktiv für die präventive Arbeit, schnelle Schlussfolgerungen zu ziehen, ohne zuerst die Handlungsbegründungen der Jugendlichen zu verstehen.

Sertan Batur ist Jugendarbeiter und ausgebildeter klinischer und Gesundheitspsychologe. Er übt auch Referententätigkeiten im Rahmen unterschiedlicher Fortbildungen zu den Themen Jugendarbeit, Gewaltprävention, Rassismus, Graue Wölfe und kritische Jungen- und Männerarbeit aus. Er leitet einen Jugendtreff in Wien Floridsdorf.


[1] https://www.derstandard.at/story/2000118302002/erneut-angriff-grauer-woelfe-auf-kurdische-demo-in-wien

[2] https://www.derstandard.at/story/2000118369179/demos-in-wien-favoriten-was-steckt-dahinter-wer-ist-involviert

[3] https://www.sueddeutsche.de/panorama/osmanen-germania-portraet-1.4047892

[4] https://www.derstandard.at/story/2000128045803/tuerkischer-journalist-erk-acarer-in-berlin-angegriffen

[5] Pamina Gutschelhofer (2021). Von Grauen Wölfen und kurdischen Flaggen: Warum Jugendliche im Juni 2020 Favoriten in Aufruhr versetzt haben. Unveröffentlichte Bachelorarbeit, FH St. Pölten.

[6] Das Videoprojekt „Lasst Brüder nicht Kämpfen“ kann bei YouTube im Kanal von Bro&Kontra aufgerufen werden: https://www.youtube.com/channel/UCdxfM8JZD80zfJhq83CAHeQ

[7] Z. B.: https://www.deutschlandfunk.de/landtagswahl-sachsen-anhalt-warum-so-viele-junge-menschen-100.html

[8] https://mediendienst-integration.de/integration/arbeitsmarkt.html

[9] https://www.svr-migration.de/publikationen/segregation-an-deutschen-schulen-ausmass-folgen-und-handlungsempfehlungen-fuer-bessere-bildungschancen/

[10] Benedict Anderson (2012). Mutationen des Nationalismus. In Isolde Charim & Gertraud Auer Borea (Hg.). Lebensmodell Diaspora (35-42). Bielefeld: transcript Verlag, 41f.

[11] Sertan Batur (2021). Rassismus und Soziale Arbeit. In ogsa AG Migrationsgesellschaft (Hg.). Soziale Arbeit in der Postmigrationsgesellschaft: Kritische Perspektiven und Praxisbeispiele aus Österreich (52-65). Basel: Beltz Juventa, 57.

[12] Beispielsweise liest man oft in regierungsnahen Zeitungen in der Türkei, dass die Kurdenfrage von europäischen Politiker:innen geschürt wird und kurdische Organisationen Unterstützung und Schutz der europäischen oder nordamerikanischen Regierungen genießen dürfen.

[13] Pamina Gutschelhofer (2021). Von Grauen Wölfen und kurdischen Flaggen: Warum Jugendliche im Juni 2020 Favoriten in Aufruhr versetzt haben. Unveröffentlichte Bachelorarbeit, FH St. Pölten, 23.

[14] Ibid., 24.

[15] Das Wort „Abi“ ist die umgangssprachliche Form vom Wort Ağabey, das älterer Bruder bedeutet.

[16] https://theworldnews.net/at-news/wie-die-krawalle-in-favoriten-aufgearbeitet-werden

[17] https://theworldnews.net/at-news/wie-die-krawalle-in-favoriten-aufgearbeitet-werden

[18] Ibid.

[19] Gutschelhofer, 24.

[20] https://theworldnews.net/at-news/wie-die-krawalle-in-favoriten-aufgearbeitet-werden

[21] Gutschelhofer, 21.

[22] Beispielsweise kann man Stereotype und Klischees ad absurdum führen, sich über eigene Identitäten lustig machen usw.

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